Mobile Jugendarbeit weltweit

Ausgangslage: Strassenkinder - Strassenjugendliche

Straßenkinder und gefährdete Jugendliche gibt es heute in fast allen Regionen der Erde. Noch vor wenigen Jahren wurden sie allerdings - von Europa und Nordamerika aus betrachtet - fast ausschließlich in den Entwicklungsländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens verortet. Heute ist die Existenz von Straßenkindern in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und in den europäischen Ländern sowie in den GUS-Staaten nicht mehr wegzudiskutieren. Wer sie hier wirklich sehen will, findet sie sowohl in den City-Zentren von Städten wie New York, Madrid, Bukarest, Neapel, Moskau, Köln, Marseille und Warschau, als auch in deren Trabentensiedlungen oder verfallenen Altbauvierteln. Der Begriff „Straßenkind" suggeriert dabei eine hohe Homogenität der Vergleichsmerkmale, die indessen von der Forschung nicht bestätigt werden kann. Dies gilt sowohl für Indikatoren, die die Lebenslagen, kulturellen Milieus und die „Karrieren" betrifft, die Kinder innerhalb ihrer Straßensozialisation durchlaufen, als auch für die jeweils anzugebenden Lebenslagen und Formen der Lebensbewältigung.
 
Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen schätzt weltweit die Zahl der Straßenkinder auf 80 Millionen bis 100 Millionen (UNICEF Deutschland 1992). Darunter werden junge Menschen im Alter bis zu 18 Jahren verstanden, für die die Straße im weitesten Wortsinn zum zentralen Lebensraum geworden ist und die keinen entsprechenden Schutz genießen. Der Begriff „Straße" schließt hierbei verlassene und heruntergekommene Gebäude bzw. Wohnungen mit ein. Von den weltweit geschätzten 80 Millionen Straßenkindern leben wiederum nach Angaben der UNICEF allein 40 Millionen auf den Straßen latein-amerikanischer Städte, die anderen verteilen sich im wesentlichen auf Asien und Afrika und ein entsprechend geringer Anteil auf die USA und Europa.
 
Obwohl nun fast überall auf der Erde von „Straßenkindern" die Rede ist, gibt es keine allgemein akzeptierte Definition zu diesem sozialen Problem. Wie soll man sich also diesem Phänomen nähern? Ich schlage vor, eine Definition aus der Sicht praktischer Berufserfahrung zu verwenden. Langjährige Erfahrungen in der Mobilen Jugendarbeit mit gefährdeten Kindern und Jugendlichen, für die die Straße ein wichtiger Sozialisationsort war bzw. ist, legen nahe, einer für die Situation in Europa am ehesten verwendbaren Definition zu folgen. Eine Studiengruppe des Europarates in Straßburg veröffentlichte schon 1994:
 
„Straßenkinder sind Kinder unter 18 Jahren, die für kürzere oder längere Zeit im Straßenmilieu leben. Diese Kinder leben in der Bewegung von Ort zu Ort und haben ihre Gruppe der Gleichaltrigen oder andere Kontakte auf der Straße. Offiziell ist die Adresse dieser Kinder entweder die ihrer Eltern oder die einer sozialen Einrichtung (Erziehungshilfe, Jugendpsychiatrie, A.d.V.). Höchst signifikant ist dabei, dass sie zu all solchen Personen geringen oder keinen Kontakt haben, die ihnen gegenüber in Verantwortung stehen, wie Erwachsene, Eltern, Vertreter von Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen und sozialen Diensten" (Council of Europe 1994: 23)
 
Folgt man dieser Definition, so bedeutet dies, dass in ihr die problematische Trennung zwischen Kindern (in Deutschland bis l4jährige) und Jugendlichen (14- bis l8jährige) aufgehoben ist. Die juristisch begründbare Unterscheidung deckt sich indessen nicht mit den tatsächlichen Lebenssituationen, denen sich Heranwachsende gegenübersehen. Weiter enthält die Definition klare Hinweise darauf, dass es Verantwortliche für die Straßenexistenz von jungen Menschen gibt, die ihrer Aufgabe nicht nachkommen können oder wollen. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass für das Straßenkind in dem überwiegend schutzlosen Straßenraum eine neue Anstrengung unternommen werden muss, Zuwendung und Hilfe zu organisieren.
 
Allgemein ist zu sagen, dass Straßenkinder auf erlebte Ablehnung, auf Gleichgültigkeit und skrupellose Ausbeutung, auf Gewalt, Verführung und Ausgrenzung zu ihrem Überleben oft verzweifelte Auswege suchen in Drogenkonsum, Diebstahl, Prostitution, Gewalt und Drogenhandel. Viele Straßenkinder müssen unterbezahlte harte Arbeit verrichten. In Cliquen und Straßenbanden schaffen sie sich häufig einen Familienersatz, eine physische und emotionale Zufluchtsstätte, ein Überlebenssystem, das Sicherheit und Schutz gewährt. Etwas, das sie in ihrem bisherigen Leben häufig bitter vermisst haben. Sie leben also entweder allein oder in Cliquen und Gangs. Häufig sind sie unterernährt, in einem schlechten Gesundheitszustand oder hungern seit ihrer Geburt. Es mangelt ihnen an Zuwendung, Geborgenheit, Erziehung und Bildung - und vor allem an Liebe.
 
Für viele Kinder und Jugendliche erfüllt die Straße die Funktion von Wohnen und Arbeitsplatz zugleich. Fast gänzlich ohne Wohlwollen und Unterstützung von Erwachsenen müssen sie täglich aufs neue, so gut sie es eben können, den Überlebenskampf führen. Dies gilt sowohl für Kinder und Jugendliche mit gelegentlichen Familienkontakten, als auch für die völlig preisgegebenen. „Wenn sie am Morgen aufwachen, wissen sie noch nicht, woher die nächste Mahlzeit kommt, oder gar, ob es überhaupt eine gibt. In ihrem Alltag müssen sie alles so nehmen, wie es kommt, wie schrecklich es auch immer sei. Sie können keine Zukunftspläne machen, noch die Befriedigung ihrer Bedürfnisse aufschieben ... manchmal wissen sie kaum, woher sie kommen oder wohin sie gehen" (Agnelli 1986:32). Gemessen an der in der Familie vorher erlebten Not und Gewalt, bedeutet das Straßenleben jedoch auch vielfache Erleichterung und nach einer gewissen Zeit auch so etwas wie „Normalität". Dies darf man jedoch nicht so missverstehen, dass die Straßenexistenz eine freudig aufgesuchte Alternative wäre, wie sie in gewissen romantisierenden Vorstellungen von der Straßenkindheit vorzufinden sind. Aber die Erlebnisqualität der Straße bietet einen gleichsam subkulturellen Raum eigener Art. Vom Leben auf der Straße als dem Ort, "wo was los ist", wo Spannung, Erregung und „action" erwartet und erlebt wird, kann sogar eine starke Faszination ausgehen.
 
Straßenexistenz ohne Schutz durch Familie oder andere stellt so eine Verletzung aller grundsätzlichen Menschenrechte auf Nahrung, Obdach, Gesundheit, Bildung und Freiheit gleichzeitig dar - mit der Schwierigkeit allerdings, dass ein einzelner Verursachungsfaktor nicht ausgemacht werden kann.
 
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